Es gab eine Zeit, in der dein Leben vergleichsweise einfach war. Du bist behütet aufgewachsen, hattest Menschen um dich, auf die du dich verlassen konntest, und eine Zukunft, über die du dir kaum Gedanken machen musstest. Damals warst du offener, unbeschwerter und hast selten daran gezweifelt, dass die Welt im Grunde ein sicherer Ort ist. Der Verlust deiner Familie hat dieses Bild jedoch von einem Tag auf den anderen zerstört.
Der Unfall hat dir nicht nur die Menschen genommen, die dir am nächsten standen, sondern auch ein Stück der Person, die du einmal warst. Vieles, was früher selbstverständlich erschien, fühlt sich seitdem fragil an. Freundschaften sind zerbrochen, Menschen haben sich zurückgezogen und nach und nach ist dein Umfeld kleiner geworden. Geblieben sind nur diejenigen, die auch mit den Veränderungen umgehen konnten, die der Verlust in dir hinterlassen hat.
Mit der Adoption durch eine Jägerfamilie begann schließlich ein Leben, das du dir zuvor nicht einmal hättest vorstellen können. Plötzlich waren die Geschichten, die früher wie Fantasie geklungen hatten, Realität. Anderswesen existierten. Die Welt war größer, gefährlicher und komplizierter, als du jemals geglaubt hattest. Während andere mit diesem Wissen aufgewachsen sind, musstest du erst lernen, deinen Platz darin zu finden.
Heute bist du achtzehn Jahre alt und oft fühlt es sich an, als hättest du in wenigen Jahren mehr Verantwortung tragen müssen als manche Menschen in einem ganzen Leben. Obwohl du nicht allein bist, begleitet dich seit dem Tod deiner Eltern das Gefühl, letztlich auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Vielleicht ist genau daraus ein Teil deiner Selbstständigkeit entstanden, aber auch die Angewohnheit, Belastungen mit dir selbst auszumachen.
Mit deiner Ausbildung zur Jägerin befindest du dich nun auf einem Weg, der scheinbar bereits für dich festgelegt wurde. Du gehst ihn mit, ohne große Widerstände zu leisten. Weil du glaubst, ihnen etwas schuldig zu sein.
Doch je mehr du lernst, desto häufiger tauchen Fragen auf, auf die niemand eine einfache Antwort geben kann. Während andere Gewissheiten aussprechen, beobachtest du. Du hörst zu, denkst nach und bemerkst Widersprüche, die du nicht ignorieren kannst. Zweifel verschwinden nicht, nur weil man sie verdrängt. Und auch wenn deine Familie versucht, dir klare Antworten zu geben, gibt es einen Teil von dir, der sich noch immer fragt, ob der Weg, den du eingeschlagen hast, am Ende wirklich derjenige ist, den du selbst gewählt hättest.